Kasperli wird 75

Es gibt nur einen Schweizer Volksschauspieler, dessen Name in jeder Generation ganz eigene Erinnerungen weckt: Jörg Schneider. Morgen Sonntag feiert er seinen 75. Geburtstag.

Uster/Zürich – Irgendwann wird Jörg Schneider zur absoluten Hassfigur im Leben eines jeden jungen Elternpaars, nämlich spätestens dann, wenn der hoffnungsvolle Nachwuchs seine Kasperli-Hörspiele entdeckt hat. Den ganzen Tag «Tra-tra-trallala». Kein Mensch hält das im Kopf aus. Doch irgendwann verzeiht der Mensch selbst Jörg Schneider und entdeckt seine wahren Qualitäten. Davon gibt es viele. Deshalb ist er an seinem 75. Geburtstag auch ein sehr gefragter Mann. «Ob Sie es glauben oder nicht, wenn Sie das Gespräch beenden, wird gleich die nächste Journalistin anrufen», sagt er fröhlich ins Handy.

Anders ist der Mann fast gar nicht zu erreichen, also nichts mit beschaulichem Rentnerdasein. Schneider arbeitet wie ein Irrer von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr in der Früh. Tagsüber probt er an seinem neuen Stück, abends tritt er stets woanders auf: Lenzerheide, Bibrist, Sarnen, Bülach. Dort spielt das Stück, das so heisst, wie er sich manchmal fühlt: «Total duureknallt».

Unzertrennliches Bühnen-Duo

Selbst im grössten Stress bleibt Schneider die Höflichkeit in Person. Ein Profi halt, ohne Starallüren. Die sind ihm früh abhanden gekommen – und zwar am Anfang seiner Ausbildung im Schauspielhaus, als er bei Erwin Parker Privatunterricht nahm. «Schau dich im Spiegel an», pflegte er mit blankem Sadismus zu sagen: «Mit deiner Figur und deinen 1,60 Metern wirst du nie einen Hamlet spielen.» Gewusst hat das auch Schneider – und es wurmte ihn.

Von seinem Traumberuf liess sich Schneider aber nicht abbringen. Seit bald 65 Jahren steht er auf der Bühne. Als Elfjähriger debütierte er im Stadttheater (heute Opernhaus) als Heierle in der Operette «Der fidele Bauer». Der Durchbruch gelang ihm in den 60er-Jahren, als Hügü Vögeli in der TV-Serie «Polizist Wäckerli in Gefahr», zusammen mit Paul Bühlmann als Feusi. Die Sendung mit den damaligen Grössen wie Schaggi Streuli, Rudolf Bernhard, Ruedi Walter, Margrit Rainer, Zarli Carigiet war ein Strassenfeger. Doch Schneider, bescheiden wie er ist, relativiert seinen Erfolg: «Die Zuschauer hatten damals gar keine Wahl. Es gab nur den einen Sender SF DRS oder keinen.» Bühlmann und Schneider wurden ein unzertrennliches Bühnenduo und tingelten mit Gassenhauern wie «Der müde Ehemann» bis zu «Alles im Griff» durchs Land.

Schneiders Gastspiel bei der TV-Serie «Motel» hingegen wurde zum Flop. Sie richtete unter Schweizer Schauspielern ein richtiges Blutbad an. Bei Schneider sollte es zwanzig Jahre dauern, bis er seine nächste Chance bekam. Dieses Mal wurde es wieder ein Volltreffer, die Serie hiess «Lüthi und Blanc». Kürzlich wurde er auch vom Film wieder entdeckt. 2008 spielte Schneider in Christoph Schaubs «Happy New Year» einen herzerwärmend sturen, frisch pensionieren Ehemann, der ins kleine Unglück stürzt und dabei etwas Grosses erlebt.

Jörg Schneider ist in vielen Genres zu Hause. Dass er noch heute auf die Stimme des Kasperlis reduziert wird, ist sein Schicksal. Das hat er langsam satt, obwohl er weiss, das dies sein populärster Erfolg ist. Das zweite, mit dem man seine Karriere verbindet, sind die vielen Spiele, die er für die Zürcher Märchenbühne verfasste, und die unzähligen Schwänke und Komödien, in denen er mitwirkte: «Meine grösste Stärke sind Dialektstücke», sagt Schneider. «Ich bin sozusagen auf lustig, heiter und komisch abonniert, weil mir gar niemand etwas anderes zutraut.»

Das Los des Komikers

Klingt da womöglich eine Spur Bitterkeit mit? Tatsache ist, dass Jörg Schneider 1968 für zwei Jahre an die Städtische Bühne Heidelberg ging, um herauszufinden, wie ihm das klassische Theater bekommt. Dort spielte er zwar nicht den Hamlet, aber immerhin den Zettel im «Sommernachtstraum». In jene Zeit fiel auch einer der wenigen Preise, die er heute noch erwähnenswert findet. «An den Festspielen in der Stadt Bad Hersfeld bin ich als‹Nobody› für meinen Sancho Pansa im Musical‹Mann von La Mancha› ausgezeichnet worden», sagt er stolz. In der Schweiz sei es wie in England. Da werde zwischen E- und U-Theater unterschieden. «Das Unterhaltungstheater hat noch nie als vollwertig gegolten. Dabei ist es unglaublich viel schwieriger, Leute zum Lachen zu bringen als zum Weinen.»

Der Schauspieler Jörg Schneider ist letztlich eine tragische Figur. Seine Statur setzte ihm klare Grenzen. Er passt weder in die Rolle des klassischen Liebhabers noch in die Rolle des Helden. Doch die wenigen ernsthaften Rollen, die er spielte, meisterte er mit Bravour. Als Vladimir in Becketts «Warten auf Godot», war er mit Ruedi Walter Weltklasse. Doch Walter ist inzwischen tot, und Schneider ist wieder mit Leib und Seele Volksschauspieler, «einer zum Anfassen», wie er selber gerne sagt. Zu seinem Geburtstag am Sonntag hat er sich ein Theaterstück geschenkt: «Scho wieder Sunntig» heisst es, am 10. März wird Premiere sein. Es ist – wie könnte es anders sein – eine heitere Komödie zu einem ernsten Thema, dem Leben im Altersheim. Er wünscht sich, dass das Leben, so wie es jetzt ist, noch möglichst lange dauert.

Quelle: Tages Anzeiger, von Denise Marquard.

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Über Jörg Schneider

Jörg Schneider (* 7. Februar 1935 in Zürich) ist ein Schweizer Schauspieler. Vor seiner Schauspielkarriere absolvierte Schneider das Lehrerseminar und arbeitete zunächst als kaufmännischer Angestellter. Anschliessend liess er sich an einer Schauspielschule ausbilden. Seit 1958 ist er hauptberuflich Schauspieler. Seine Karriere begann mit dem Auftritt in einer Fernsehfassung von Pünktchen und Anton. Ab 1963 war Schneider gemeinsam mit Vico Torriani in Schlagerparaden zu sehen. Von 1974 bis 1979 spielte er in Livekrimis von SF DRS einen Detektiv. Anschliessend konzentrierte er sich auf das Bühnenschaffen am Theater, wo er sich noch 70-jährig in Dure bi rot (2005) dem Publikum präsentierte. Zudem spielte er ab 1984 die Hauptrolle Koni Frei in der Fernsehserie Motel. Nach 2004 war Schneider nach einer über zehnjährigen Pause wieder in einer Sendung des Schweizer Fernsehens zu sehen: In der Soap Lüthi und Blanc spielte er den Buchhalter Oskar Wehrli. 2007 spielte er im Film Ameisenweg. Im Jahre 2008 spielte er im Kinofilm Happy New Year von Christoph Schaub Herbert, der sich in der Silvesternacht auf eine nächtliche Odyssee begibt. Zusammen mit Ines Torelli und Paul Bühlmann spielte er zum Beispiel in Bibi Balù und schrieb von 1967 bis 1976 41 Hörspielfassungen von Kasperlis Abenteuer und schuf damit einen Klassiker des vertonten Schweizer Kindermärchens. Diese Schweizerdeutsch gesprochenen Märchen verkauften sich bisher gegen drei Millionen Mal. Mit Paul Bühlmann vertonte er auch Geschichten von Meister Eder und sein Pumuckl. 1981 spielte Schneider neben Ruedi Walter die Rolle des Wladimir in Urs Widmers Dialektfassung Warte uf de Godot. 2004/05 spielte er Pseudolus im Musical Toll trieben es die alten Römer von Stephen Sondheim.

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