Gelassenheit als Spiegelbild eines Bühnenprofis
Noch eine halbe Stunde bis zum Auftritt – Schauspieler Jörg Schneider zeigte sich gestern Abend in Cham hinter den Kulissen ganz locker.
Ganz entspannt steht der «Chasperli» in Unterhosen da und erzählt. «Das ist eine Bombenrolle mit verschiedenen Facetten – auch ernstere Passagen kommen vor», erzählt der legendäre Schauspieler Jörg Schneider (74) in seinem unverwechselbaren Züri-Dialekt. Die Uhr in der Garderobe unter dem Lorzensaal in Cham zeigt 19.30 Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zum Auftritt. «Nein, Lampenfieber habe ich nicht mehr. Das Stück spiele ich heute etwa zum 73. Mal», parliert Schneider gestern Abend hinter den Kulissen.
Spaziergang mit dem Hund
Er wechselt die Schuhe, schlüpft in seine Bühnenhose mit Hosenträgern und richtet sich die Fliege – aus Jörg Schneider wird immer mehr der Beamte Franz Frischknecht (siehe Box), der liebenswürdige Trampel. Der Schauspieler hat das französische Originalstück «Le dîner des cons» in die Dialektfassung «Dinner für Spinner» überführt. Vor der Aufführung ist Schneider an seinem Wohnort Uster noch mit seinem Hund spazieren gegangen und hat sich eine halbe Stunde hingelegt.
Spiellust ungebrochen
Die Garderobe füllt sich. Schauspielkollege Beat Gärtner, der heute den Verleger Peter P. Piller mimt, kämpft mit der Kaffeemaschine. «Jörg ist ein Profi. Selbst vor Premieren, wenn wir alle nervös sind, bleibt er ganz gelassen», verrät Gärtner, der inzwischen im Bademantel dasteht. «Ich geh mal meine Friseuse suchen», sagt Schneider und huscht aus der Garderobe. Mit akkurat gezogenem Rechtsscheitel sitzt er wenig später vor dem mit vielen Glühbirnen umrandeten Spiegel. «Ich habe die Spiellust nie verloren», sagt er, «auch wenn der Beruf anstrengend ist.»
Rituale existieren bei Schneider nicht. «Wenn ich Zeit habe, trinke ich noch kurz einen Espresso vor der Vorstellung – das ist das Einzige.» Nach dem Auftritt geh er am liebsten zügig nach Hause – und noch kurz mit dem Hund nach draussen. Noch fünf Minuten, bis der Vorhang fällt. Jörg Schneider steht auf der Bühne. Die Gesprächsfetzen des Saalpublikums sind zu hören. «Dieser Stuhl ist immer zu nah beim Tisch», sagt er und zieht ihn ein Stückchen zurück. Wie immer vor dem Auftritt kontrolliert er alle Requisiten, die er benötigt. Er verabschiedet sich mit trockenem Händedruck – von Nervosität keine Spur.
LUC MÜLLER
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